Weltweit leben schätzungsweise sechs bis acht Millionen Menschen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED), zu den bekanntesten gehören Morbus Crohn oder Colitis-ulcerosa. Auch in Deutschland sind sie längst kein Randthema: Etwa 250.000 Menschen leben hierzulande mit Morbus Crohn und 400.000 mit Colitis ulcerosa. Die Ernährung ist dabei ein sensibles Thema, das von Unsicherheit schnell in strikte Regeln oder sogar Verbote kippt. Der Speiseplan schrumpft, Energie fehlt, das Risiko für Mängel steigt. Praktischer ist ein phasenabhängiger Ansatz: im Schub entlasten, in Remission stabilisieren und Vielfalt zurückholen.
Hier setzt die Vision von HealVersity an: praxisnahe Orientierung, die Betroffenen hilft, alltagstaugliche Entscheidungen zu treffen. Healversity übersetzt somit medizinisches Wissen in verständliche, umsetzbare Empfehlungen mit dem Ziel, Menschen im Alltag handlungsfähiger zu machen. Dr. med. Manuel Burzler, Arzt und Gründer von HealVersity, arbeitet genau an der Schnittstelle von Medizin, Prävention und Patientenaufklärung.
Im Schub zählt Verträglichkeit: So wird Essen wieder machbar
Aus der täglichen Arbeit mit Patienten und Patientinnen weiß Burzler, dass Ernährung im Schub selten nach Lehrbuch funktioniert und auch, dass strikte Verbote oft mehr schaden als helfen. Entscheidend ist dann weniger optimal zu essen, sondern mehr machbar.
Viele Betroffene berichten, dass in einem Schub Speisen meist besser verträglich sind, wenn sie weich, gut gekocht und fettarm sind. Dazu gehören beispielsweise Lebensmittel wie weißer Reis, Kartoffelpüree, helle Nudeln, Toast oder Zwieback und Grieß. Vollkorn, Kleie, Körner, Nüsse oder Popcorn sollten, ähnlich wie Fettiges, Frittiertes und scharf gewürztes Essen, eher selten genossen werden. Allerdings eignen sich Eiweißquellen wie Eier, Fisch, Geflügel oder Tofu in kleineren Portionen über den Tag für viele Betroffene sehr gut. Um an ausreichend Vitamine durch Gemüse und Obst zu gelangen, ist die Auswahl und Zubereitung entscheidend. Tendenziell sollte es geschält und gekocht, wenn nicht sogar püriert werden. Besonders gut geeignet sind hier Karotten, Kürbis, Zucchini sowie Bananen oder Äpfel. Daraus lassen sich unkompliziert Suppen, Pürees oder Mus herstellen.
Wichtig ist und bleibt aber: ausreichend trinken. Vor allem Wasser, Tee oder Brühe sind meist gut verträglich. Zuckeralkohole wie Sorbit oder Xylit, Alkohol oder viel Kaffee sowie Milchprodukte sollten grundlegend selten konsumiert werden, da diese bei vielen Betroffenen Diarrhö oder Blähungen verschlechtern können. Sollte dennoch starke Diarrhö auftreten, kann eine Elektrolytlösung sinnvoll sein, um wichtige, verlorene Nährstoffe im Speicher aufzufüllen.
Trigger erkennen, ohne sich unnötig einzuschränken

Während im akuten Schub vor allem Verträglichkeit und Schonung im Vordergrund stehen, wird in ruhigeren Phasen eine andere Frage wichtig: Welche Lebensmittel sind wirklich problematisch und auf welche kann man ohne Sorge zurückgreifen?
Um Trigger zuverlässig erkennen zu können, funktioniert ein kurzes, strukturiertes Vorgehen: Für zwei bis vier Wochen ein Symptom- und Ernährungstagebuch führen. Darin sollten Angaben zu Essen, Uhrzeit, Menge, Beschwerden, Schlaf, Stress und Medikamenten aufgeführt werden. So lassen sich Veränderungen und mögliche Trigger gezielt beobachten oder sogar testen.
Soll ein Lebensmittel direkt getestet werden, ist es wichtig, immer nur eine Veränderung gleichzeitig zu testen, damit Ursache und Wirkung erkennbar bleiben. Besagte Lebensmittel werden dafür zunächst sieben bis vierzehn Tage weggelassen und anschließend gezielt in klarer Portion wieder eingeführt.
Morbus Crohn
Dr. med. Burzlers drei wichtigsten Ernährungsregeln
- Ausreichend Energie und Eiweiß sichern: nicht „zu wenig essen aus Angst“. Lieber regelmäßig kleine, gut verträgliche Mahlzeiten statt strenge Verbote und Mangelernährung.
- Faser-/Textur individuell anpassen: bei Engstellen/Strikturen eher faserarm und weich; ohne Engstellen in Remission Vielfalt langsam aufbauen.
- Ultra-verarbeitete Lebensmittel reduzieren: Fokus auf „echte“ Lebensmittel (einfach, frisch, gut zubereitet).
Colitis ulcerosa
Dr. med. Burzlers drei wichtigsten Ernährungsregeln
- Im Schub den Darm entlasten: weicher, reizärmer, oft faserärmer, ohne komplett zu fasten oder zu stark zu reduzieren.
- In Remission vielfältig und ausgewogen essen: nicht dauerhaft „Schubkost“, damit Nährstoffversorgung und Alltag stabil bleiben.
- Trigger systematisch testen statt pauschal streichen: weniger unnötige Restriktion senkt Mangelrisiko und Stress rund ums Essen.
Die Grenzen von Experimenten: Wann ärztlicher Rat notwendig ist
Das systematische Testen von Lebensmitteln kann helfen, Beschwerden besser zu verstehen. Doch nicht jede Veränderung lässt sich allein über die Ernährung lösen und sehr wichtig: Bestimmte Warnzeichen sollten unbedingt medizinisch abgeklärt werden.
Wenn sich die Blutungen verstärken, Fieber oder starke Schmerzen auftreten, nächtliche Durchfälle hinzukommen, ein schneller Gewichtsverlust einsetzt oder Symptome wie krampfartige Bauchschmerzen, Erbrechen sowie ausbleibender Stuhlgang oder fehlender Windabgang auftreten, was auf eine Verengung des Darms hindeuten kann, sollte unbedingt ein Arzt aufgesucht werden. Auch wenn der Speiseplan immer kleiner wird oder spürbare Mängel auftreten, ist eine Ernährungsberatung sinnvoll.
Entscheidend ist dennoch nicht zwingend die „perfekte“ CED-Diät, als ein smarter Rhythmus. Im Schub den Darm mit weicher, gut verträglicher Kost entlasten und in Remission wieder Vielfalt aufbauen, statt dauerhaft im Verzicht zu leben. Wer seine Trigger systematisch testet und auf ausreichende Energie- und Eiweißzufuhr achtet, gewinnt meist mehr Kontrolle als mit pauschalen Verboten.
Denn am Ende geht es nicht um strikte Regeln, sondern darum, ein gutes Stück Lebensqualität zurückzuerlangen.








